Empirische Untersuchung zur biografischen Sinnkonstruktionen gewollt kinderloser Frauen in der Lebensmitte
Lebensentwürfe jenseits der klassischen Familiengründung werden sichtbarer und gesellschaftlich relevanter. Zugleich sind sie – insbesondere bei Frauen – weiterhin mit normativen Erwartungen, Zuschreibungen und Rechtfertigungsdruck verbunden. Während Mutterschaft in vielen westlichen Gesellschaften als zentraler Bezugspunkt weiblicher Identität und als „sichtbarer Marker“ eines sinnerfüllten Lebens gilt, entfällt dieser Referenzrahmen für Frauen, die sich bewusst für ein kinderfreies Leben entscheiden. Damit rückt eine Frage in den Vordergrund, die in Forschung bislang deutlich weniger Beachtung findet: Wie konstruieren Frauen ihren Lebenssinn, wenn biografische Stationen wie Familiengründung, Kindererziehung oder Großelternschaft nicht Teil des eigenen Lebenswegs sind?
Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) führt die Studie durch, an der die Duale Hochschule Gera-Eisenach (DHGE) als assoziierter Partner beteiligt ist.
Der aktuelle Forschungsstand zu Kinderlosigkeit ist häufig quantitativ ausgerichtet und beschreibt vor allem objektive Lebensverläufe (z. B. Partnerschaft, Erwerbstätigkeit), lässt jedoch das innere Erleben und die subjektive Bedeutung dieser Lebensbereiche vielfach offen. Vorhandene Studien fokussieren zudem häufig auf jüngere Altersgruppen und primär den Entscheidungsprozess zur Kinderlosigkeit. Damit fehlt bislang ein vertiefter Blick auf die Lebensmitte: auf das biografische Resümee, auf Sinnkonstruktionen im Rückblick und auf die Frage, welche Formen von Generativität, Zugehörigkeit und Lebensbedeutsamkeit jenseits von Elternschaft entstehen.
Ziel des Projekts ist es, zu verstehen, wie bewusst kinderfreie Frauen im Alter von 45 bis 60 Jahren ihren Lebensweg retrospektiv deuten, welche Sinnquellen sie für sich erschließen und wie sie im Rahmen biografischer Reflexion ihren Lebenssinn konstruieren. Damit soll ein Beitrag geleistet werden, alternative Lebensmodelle differenziert sichtbar zu machen, das Verständnis für individuelle Sinnquellen zu vertiefen sowie Anerkennung und Wertschätzung kinderloser Lebensweisen zu stärken. Im Mittelpunkt des Forschungsprojektes stehen daher folgende Fragestellungen:
- Wie konstruieren gewollt kinderlose Frauen (45–60 Jahre) ihren Lebenssinn im Rückblick auf ihren bisherigen Lebensweg, und welche Sinnquellen prägen diese biografische Deutung?
- Welche Formen von Beziehung, Verantwortung, Generativität und Lebensgestaltung jenseits von Elternschaft werden dabei als sinnstiftend erlebt?
Der theoretische Rahmen des Projekts verbindet drei sich ergänzende Perspektiven der Sinn- und Biografieforschung. Ausgangspunkt ist ein psychologisch-empirisches Verständnis von Lebenssinn nach Tatjana Schnell, das Lebenssinn als mehrdimensionales Konstrukt begreift und sowohl Erfahrungen von Sinnerfüllung und Sinnkrisen als auch individuell bedeutsame Lebensbereiche berücksichtigt. Zur strukturierten Erfassung dieser Lebensbedeutungen wird ergänzend der LeBe-Fragebogen eingesetzt. Zudem wird auf existenzielle Ansätze der Sinnforschung zurückgegriffen, insbesondere nach Viktor E. Frankl. Sinn wird hier als aktive, verantwortete Lebensgestaltung verstanden, die sich in Freiheit, Werteorientierung und persönlicher Verantwortung ausdrückt. Eine weitere zentrale Perspektive bildet das Konzept der narrativen Identität nach Dan P. McAdams. Es geht davon aus, dass Menschen ihrem Leben Sinn verleihen, indem sie ihre Erfahrungen in biografischen Erzählungen ordnen. Anhand von Lebenskapiteln, Wendepunkten und wiederkehrenden Motiven wird analysiert, wie Sinn im Rückblick konstruiert wird.
Das Forschungsprojekt macht sichtbar, wie Frauen ohne Kinder in der Lebensmitte ihrem Leben Sinn geben - jenseits gängiger Erwartungen an „typische“ weibliche Lebensläufe. Statt gewollte Kinderlosigkeit als Defizit oder Abweichung zu betrachten, rückt das Projekt diese Lebensform als eigenständigen und sinnvollen Lebensentwurf in den Mittelpunkt. Die Ergebnisse liefern neue Perspektiven für die gesellschaftliche Debatte über Lebensentwürfe, Gleichberechtigung und Vielfalt in der Lebensmitte. Gleichzeitig bieten sie wichtige Anknüpfungspunkte für Medien, Beratung, Bildung und Organisationen, die Frauen in dieser Lebensphase besser verstehen, begleiten und unterstützen wollen.
Ihre Ansprechpartnerinnen
Prof. Dr. Claudia Rahnfeld
Studienrichtungsleiterin Soziale Dienste / Professorin für Angewandte Sozialwissenschaften
Telefon: 0365 / 4341-209
E-Mail: claudia.rahnfeld@dhge.de
Website: Prof. Dr. Claudia Rahnfeld_Claudia
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